Warum B.-Traven?

Name für eine Berliner Gesamtschule – die wichtigsten Gründe für die Wahl B. Travens zum Namenspatron unserer Schule

Zunächst einmal gilt es einen Autor für die Schule wiederzuentdecken, der in den zwanziger und dreißiger Jahren weltweit ein Millionenpublikum erreichte. Außergewöhnlich war nicht nur der Erfolg, sondern auch das Leserpublikum: Vorwiegend Arbeiter lasen die Romane und Erzählungen B. Travens. Hier schrieb jemand spannende Bücher, die im fernen Mexiko spielten und Abenteuer versprachen, zugleich aber immer mehr als bloße Unterhaltung boten, da die Abenteuer erst bestanden waren, wenn im Kampf gegen ungerechte Zustände Freiheit erobert wurde.

Auch ein halbes Jahrhundert später ist B. Traven höchst aktuell. Unfreiheit, Ausbeutung und Unterdrückung kennzeichnen die Situation in den meisten Ländern unserer Erde. Wer sich zum Beispiel zur Vorbereitung auf eine Reise nach Mexiko in den Caoba-Zyklus vertieft, wird mehr von den Problemen dieses Landes begreifen als ein Tourist, der sich mit einem Blick in die gängigen Reiseführer begnügt.

Ebenso ist der leidenschaftlich vorgetragene Protest Travens gegen den Militarismus nicht überholt, wenn Politiker heute leichtfertig mit Raketen pokern und die Gefahr eines atomaren Holocaust noch längst nicht gebannt ist.

Aber auch in anderer Hinsicht ist die Aktualität seiner Bücher ungebrochen. Sie bieten Anlaß, unser Verständnis für Demokratie zu überprüfen. Bestimmen etwa die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes selbst die entscheidenden Fragen der Politik. Oder sind sie in der Mehrzahl nicht eher Objekte der Politiker? Traven entwirft dagegen in all seinen Schriften das Modell einer Gesellschaft, in der freie und gleichberechtigte Menschen ihr Schicksal selbst bestimmen.

Sein Engagement kam ihn teuer zu stehen. Wegen Beteiligung an der Münchner Räterepublik sollte er 1919 zum Tode verurteilt werden, konnte aber im letzten Moment fliehen und emigrierte schließlich nach Mexiko. Unsere Namengebung ist insofern auch ein Akt der Rehabilitierung, mit dem ein verfemter Autor und ein wichtiger Abschnitt radikaldemokratischer Geschichte wieder ins öffentliche Bewußtsein gerufen werden.

All dies bietet schon genügend Orientierungspunkte für Pädagogen, die sich noch immer dem ursprünglichen Ziel von Gesamtschule verpflichtet fühlen, daß jeder die Chance erhalten soll, seine individuelle Persönlichkeit zu entfalten, ohne dabei jedoch die Verantwortung für das Schicksal der anderen zu vergessen.

Zudem müßte die schulische Praxis „Mündigkeit“ wieder als bedeutendstes Lehrziel begreifen. Traven wünschte sich selbständig denkende Leser, die sich nichts aufreden lassen, sondern eigene Ideen entwickeln.

Für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I ist die Namenwahl auch deshalb von Bedeutung, weil ihnen durch die einfache Sprache Travens, mit der Abenteuer lebendig werden, vielleicht eher ein Zugang zur Literatur eröffnet wird. Identifikation mit Literatur kann aber auch über die Biographie des Autors gefunden werden, dessen eigenes Leben nicht weniger abenteuerlich verlief als das der Helden seiner Bücher. Vorbildcharakter gewinnt die Persönlichkeit Travens darüber hinaus in ihrem kompromißlosen Eintreten für die bis heute immer Unterlegenen. Dieses Engagement wurde nicht nur abstrakt gefordert, sondern auch mit der entsprechenden Zivilcourage gelebt.

Merkwürdig bleibt ein Telegramm, das unsere Schule pünktlich zur Namengebungsfeier am 24. September erreichte. Man munkelt, es sei in Australien aufgegeben worden. Die Botschaft jedenfalls ist bei uns angekommen: „Nicht viel feiern, lieber lesen. B. T.“ Dass B. Travens Werk lebendig bleibt, zumindest bis seine Forderungen in der Wirklichkeit eingelöst sind, dazu möchte auch die B.-Traven-Oberschule in Berlin-Spandau beitragen.

(Diesen Text verfasste Herr Hipler im Jahr 1987, als die Schule ihren Namen erhielt. Er wurde zuerst in „Büchergilde intern“ abgedruckt. Herr Hipler ist Deutschlehrer an der BTG.)